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Strafrecht
07.06.2011, George Stavrakis

Junge Mutter geht mit Messer auf Freund los

28-Jährige steht wegen versuchten Totschlags vor Gericht.

STUTTGART. „Einer von uns beiden wird heute sterben.“ Das soll eine 28-jährige Frau in der gemeinsamen Wohnung in Bad Cannstatt zu ihrem Freund gesagt haben. Dabei hatte sie ein Messer in der Hand. Seit Montag muss sich die zweifache Mutter wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht Stuttgart verantworten.

„Die Polizei hat protokolliert, meine Mandantin habe gesagt, sie habe zweimal zielgerichtet zugestochen“, sagt Verteidiger Jörg-Matthias Wolff und schüttelt den Kopf. Das könne die Vietnamesin niemals so gesagt haben. Dafür sei ihr Deutsch viel zu schlecht, so Wolff. Deshalb widerruft der junge Anwalt die polizeilichen Angaben seiner Mandantin in ihrem Namen. Zudem bemängelt er, dass bei der Vernehmung der 28-Jährigen kein Dolmetscher anwesend gewesen sei und sie deshalb die vorgeschriebene Belehrung nicht habe verstehen können.

Es sieht allerdings nicht so aus, als wollten die Richterinnen und Richter der 9. Schwurgerichtskammer bei diesem Fall ein großes Fass aufmachen. Immerhin ist die Angeklagte auf freiem Fuß.

Was ist passiertam Abend des 19. Dezember vergangenen Jahres in der Wohnung in Bad Cannstatt? Das Paar hatte sich gestritten. Der 24-jährige Inhaber eines Nagelstudios hat seine Freundin, mit der er zwei kleine Kinder hat, wegen ihrer angeblich schlampigen Haushaltsführung und laschen Kindererziehung angegangen. „Er hat mich provoziert und mir Schläge angedroht“, sagt die Frau aus Hanoi, der ein Dolmetscher zur Seite steht. Noch schlimmer sei gewesen, dass er ihr gedroht habe, sie aus der Wohnung zu werfen.

Die Staatsanwältin trägt vor, der Streit sei eskaliert, und die Angeklagte habe versucht, ihrem Freund eine Bierflasche auf den Kopf zu schlagen. Er habe ihr die Flasche abgenommen – sie biss ihn in den Arm. Schließlich soll die zierliche Frau ein Steakmesser genommen und zwei „zielgerichtete Stiche“ in Richtung Bauch geführt haben. Der 24-Jährige wich aus und nahm ihr das Messer ab, wobei er sich – oder sie ihn – an der Hand verletzte. Dann schloss er seine Freundin im Schlafzimmer ein und rief die Polizei.

„Ich wollte mich nur schützen und verteidigen, weil er mich schlagen wollte“, sagt die Frau unter Tränen. Und der Satz, dass einer sterben würde, sei falsch übersetzt worden.

Seine Schläge hätten Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen, sagt die Angeklagte. Dafür habe sich die Polizei jedoch nicht interessiert. Stattdessen hätten sich die Beamten lustig über sie gemacht.

Die Frau war 2004 aus ihrer Heimatstadt Hanoi nach Ulm gekommen, um einen Deutschen zu heiraten. Die Ehe hielt 14 Tage. "Weil er mich geschlagen hat“, sagt sie. 2007 lernte sie ihren jetzigen Freund, einen Landsmann, kennen. Das Paar wollte voriges Jahr heiraten, seine Mutter soll dies aber torpediert haben. Die Heiratspläne seien zwar noch nicht ad acta gelegt, aber: „Wir warten erst, wie diese Gerichtssache ausgeht“, sagt der 24-Jährige. Das versteht keiner der Prozessbeteiligten so richtig.

Jedenfalls will die Kammer den Fall bereits am morgigen Mittwoch zu einem Ende bringen. Verteidiger Wolff hofft auf eine Bewährungsstrafe.